Umfeld

Universität Wien

Fächerübergreifend

Bachelor- und Master-Studierende

Durchführung: mehr als drei Mal

10 CP (5 CP pro Semester)

Anzahl der Studierenden: 10-12 pro Semester

In welchem Umfeld habe ich mein Angebot zum forschenden Lernen umgesetzt?

Das hier vorgestellte Angebot zum forschenden Lernen findet an der Universität Wien als Teil eines Erweiterungscurriculums mit dem Titel „Akademische Schreibkompetenz entwickeln, vermitteln und beforschen – Ausbildung von Schreibmentor*innen“ statt. Der freie Wahlbereich wird gemeinsam vom Institut für Deutsche Philologie und dem Center for Teaching and Learning (CTL) angeboten. Das Erweiterungscurriculum besteht aus zwei Teilen: Der Ausbildung zum:zur Schreibmentor:in und einem Schwerpunkt zur Schreibforschung. Im Mittelpunkt dieses Teils des Erweiterungscurriculums steht dabei die Erforschung des Schreibens, in dem sich die Studierenden über zwei Semester auf vielfältige Weise mit dem wissenschaftlichen Schreiben auseinandersetzen. Die Veranstaltungen stellen dabei Teilmodule für die Studierenden dar, um als Schreibmentor:innen Expertise in der prozessorientierten Schreibdidaktik auszubilden. Konzipiert wurde das ganze Erweiterungscurriculum dabei von Brigitte Römmer-Nossek, Eva Kuntschner hat das Modul 1 zur Ausbildung der Schreibmentor:innen aufgebaut (Kuntschner & Römmer-Nossek, 2021).
Gegenstand dieses Berichts sind die Module 2&3, in denen forschendes Lernen praktiziert wird und die von einem interdisziplinären Team von Lehrenden unterrichtet werden. Ich bin Teil dieses Teams.
Pro Semester werden ca. 25 Studierende neu zum Erweiterungscurriculum zugelassen, von denen 10-12 an unserem Angebot zum forschenden Lernen teilnehmen und gemeinsam in Kleingruppen an schreibwissenschaftlichen Forschungsprojekten arbeiten. Die Studierenden kommen aus den unterschiedlichsten Fachrichtungen und können sowohl im Bachelor- als auch im Masterstudium die Veranstaltung besuchen, wichtig ist uns nur, dass Sie bereits erste Schreiberfahrungen gesammelt haben. Das Besondere an unserem Forschungsangebot ist, dass die Studierenden zunächst im Rahmen von geblockten Einheiten mit jeweils einer von vier Lehrpersonen, die alle einen inhaltlichen Schwerpunkt in der Schreibwissenschaft haben, mehr über Teilbereiche der Schreibwissenschaft erfahren. Anschließend bilden sie Forschungsgruppen, die von jeweils einer Lehrperson intensiv betreut wird. Jedes Semester schließt mit der Schreibmentoring-Konferenz ab. Nach Abschluss des Erweiterungscurriculums haben die Studierenden die Möglichkeit, ihre Forschungsergebnisse in der „zeitschrift für interdisziplinäre schreibforschung“ (zisch), die in Zusammenarbeit mit der österreichischen Gesellschaft für wissenschaftliches Schreiben (GewissS) herausgegeben wird, zu veröffentlichen (Unterpertinger et al., 2022)

Umfeld

Grund

Persönliches professionelles Anliegen

Impuls aus meinem Umfeld

Was war der Grund dafür, dass ich mich für das forschende Lernen entschieden habe?

Diese Veranstaltungen sind Teil eines Programms, im Rahmen dessen das CTL Schreibmentor:innen ausbildet, die an der Universität Wien im Einsatz sind. Schreibmentor:innen sind studentische Mentor:innen, die andere Studierende im Rahmen von wöchentlichen Schreibgruppen an verschiedenen Studienrichtungen beim wissenschaftlichen Schreiben unterstützen. Um unsere Mentor:innen zu fördern bzw. die Ausbildung für potentielle Schreibmentor:innen attraktiver zu machen, bot es sich daher an, die Ausbildung zu einem sogenannten Erweiterungscurriculum auszubauen, ein Wahlfachpaket, über das die Studierenden für ihr jeweiliges Studium ECTS sammeln können. Erweiterungscurricula haben den Anspruch, wissenschaftliche Praxis zu vermitteln. Deshalb wurden an die Ausbildung und betreute Praxis zwei aufeinander aufbauende Veranstaltungen angeschlossen, in denen sich Studierende auf wissenschaftlicher Ebene mit der Tätigkeit des akademischen Schreibens auseinandersetzen und diese erforschen.
Darüber hinaus ist die Schreibwissenschaft im deutschsprachigen Raum ein noch junges Forschungsfeld mit vielen Desideraten, das derzeit noch wenig Aufmerksamkeit erfährt. Die Einführung einer Lehrveranstaltung zur Erforschung des akademischen Schreibens stellt daher eine große Chance für die Studierenden dar, zu einem entstehenden Feld beizutragen.
Meine persönliche Entscheidung, als Lehrende an diesem Format teilzunehmen, ist vor allem auf mein eigenes Interesse an der Schreibwissenschaft zurückzuführen. So schreibe ich meine Dissertation zu diesem Thema und finde es toll, mich auch in Lehr-Lern-Kontexten mit wissenschaftlichem Schreiben und dessen Erforschung zu beschäftigen, Studierende für dieses Themenfeld zu begeistern und natürlich auch selbst immer mehr dazu zu lernen. Hinzu kommt, dass ich so die Möglichkeit habe, in einem komplexen didaktischen Setting Lehr-Lern-Erfahrungen zu sammeln und damit die didaktischen Möglichkeiten, aber auch die Herausforderungen des forschenden Lernens besser kennenzulernen.

Umfeld

Umsetzung

Länger als ein Semester

Eigenes Format

Außercurricular & freiwilliges Angebot

Forschungsprozess: von Lehrenden bei Bedarf unterstützt

Feedback: Peers & Lehrende

Forschungsergebnisse: öffentlich

Wie ist mein Lehrangebot zum forschenden Lernen genau beschaffen?

Wie bereits erwähnt, ist eine Besonderheit unseres Angebots zum forschenden Lernen, dass es sich über zwei Semester erstreckt. Im ersten Semester lernen die Studierenden das Forschungsfeld kennen, indem sie an vier Samstagen unterschiedliche interdisziplinäre Perspektiven auf Schreibforschung und -didaktik erhalten. Die verschiedenen Inputs werden von meinen drei Kolleg:innen und mir geleitet und geben Einblicke in verschiedene Teilbereiche des wissenschaftlichen Schreibens, zum Beispiel im Sommersemester 2024 in a) Schreibwissenschaft, b) Genres und Textsorten, c) Mehrsprachigkeit und d) Lesen und Exzerpieren. Neben den inhaltlichen Inputs gibt es zu Anfang einen organisatorischen Termin für die Studierenden. Meine Schwerpunkte sind ein Blick auf Schreibwissenschaft, der (Inter-)Disziplin sowie Erkenntnisprozesse beim wissenschaftlichen Schreiben.
Darauf aufbauend geht es in die selbstorganisierte Vertiefungsphase, in der die Studierenden einen eigenen Forschungsschwerpunkt wählen, eine Fragestellung entwickeln und sich eine betreuende Lernperson aus unserem vierköpfigen Team aussuchen. Abhängig von der entwickelten Forschungsfrage entscheiden die Studierenden mit Unterstützung und Beratung der Lehrperson, welche Methode für das Forschungsvorhaben geeignet sein könnte. Die Forschungsfragen sind sehr unterschiedlich und beschäftigen sich mit verschiedenen Aspekten der Schreibwissenschaft. So untersuchte im letzten Jahr eine meiner studentischen Forschungsgruppen, wie Studierende mit Schreibblockaden umgehen, eine andere beschäftigte sich mit Feedback im Schreibprozess. Aber auch das Schreiben in den Naturwissenschaften oder der Zusammenhang zwischen subjektiven Theorien und der Rolle des Schreibens waren bereits Forschungsgegenstände, denen sich die Studierenden gewidmet haben.
Am Ende des Semesters stellen die Studierenden während der Abschlusskonferenz ihre Forschungsarbeit in einer Posterpräsentation ihren Kommilitoninnen und Kommilitonen und der jeweils ein Semester älteren Kohorte vor und erhalten wertvolles Feedback. Zusätzlich zur Präsentation reichen die Studierenden bei ihrem Betreuer oder ihrer Betreuerin ein Exposé ein, zu dem sie detaillierte Hinweise erhalten. Während der Semesterferien haben die Forschungsgruppen Zeit, das erhaltene Feedback zu verarbeiten und ihre Forschungsvorhaben zu konkretisieren.
Im zweiten Semester stehen dann die Entwicklung des Erhebungsinstruments und die eigentliche forschende Tätigkeit im Mittelpunkt. In weiteren inhaltlichen Inputs erhalten die Studierenden neue Impulse und können sich in der großen Gruppe mit ihren Mitstudierenden und den Lehrenden über Probleme, Fragen und Herausforderungen austauschen. Darüber hinaus trifft sich die Forschungsgruppe in regelmäßigen Abständen mit ihrem Betreuer oder ihrer Betreuerin und tauscht sich über den aktuellen Stand der Dinge aus. Am Ende des zweiten Semesters stellt die studentische Forschungsgruppe ihre Forschungsergebnisse in einer Präsentation auf der Abschlusskonferenz vor und verfasst einen Artikel dazu. Somit durchlaufen die Studierenden einen vollständigen Forschungszyklus
Die Studierenden erhalten ein ausführliches Feedback zu ihrem Artikel und haben die Möglichkeit, diesen zu überarbeiten, um ihn anschließend in der vom CTL in Zusammenarbeit mit der österreichischen Gesellschaft für wissenschaftliches Schreiben therausgegebenen Zeitschrift für interdisziplinäre Schreibforschung (zisch) zu veröffentlichen. Dieses freiwillige Angebot wird von vielen Studierenden genutzt und ist eine hervorragende Möglichkeit, ihre Forschungsergebnisse zu veröffentlichen. Über das Konzept und die Wirkung dieser Möglichkeit berichten wir in einer eigenen Publikation (Unterpertinger et al., 2022).

Umfeld

Spannungen

Individuellem und sozialem Lernen

Arbeitsvolumen und verfügbare Ressourcen bei Lehrenden

Arbeitsaufwand und dem formal berechneten Zeitaufwand für Studierende

Veränderte Lehrenden-Rolle und der vorhandenen Lehrtradition

Welche Spannungen ergeben sich beim forschenden Lernen?

Ein großes Spannungsfeld ergibt sich aus dem hohen Arbeitsaufwand der Veranstaltung, die viel Zeit der Studierenden in Anspruch nimmt. Zwar sind die Studierenden, die sich für das Erweiterungscurriculum anmelden, grundsätzlich sehr motiviert und haben auch eine große Lust zu forschen. Aber die Tatsache, dass es sich um ein EC handelt, führt dazu, dass unser Forschungsprojekt nicht die gleiche Priorität hat wie die Pflichtseminare innerhalb des Studiengangs. Das ist bis zu einem gewissen Grad verständlich, aber für uns als Lehrende manchmal auch frustrierend. Wir versuchen dieses Spannungsfeld aufzulösen, indem wir die Studierenden von Anfang an auf den hohen Arbeitsaufwand hinweisen und deutlich machen, dass wir von allen Gruppenmitgliedern vollen Einsatz erwarten, wenn sie sich für dieses Seminar entscheiden. Um den Arbeitsaufwand zu reduzieren, haben wir auch beschlossen, dass die Veröffentlichung des wissenschaftlichen Artikels in unserer Zeitschrift keine Voraussetzung für das Bestehen des Moduls 3 ist. Es handelt sich um ein freiwilliges Angebot, das interessierten und engagierten Studierenden die Möglichkeit bietet, ihre Forschung bereits während des Studiums zu veröffentlichen und als Teil der wissenschaftlichen Community sichtbar zu werden.
Darüber hinaus gibt es immer wieder widersprüchliche Momente in den studentischen Forschungsgruppen. Während einige Gruppen wunderbar zusammenarbeiten und sich hervorragend ergänzen, haben es andere Gruppen nicht so leicht, weil z. B. niemand so richtig die Führung in der Gruppe übernehmen will oder die fachspezifische Kultur der Studierenden sehr unterschiedliche Ideen und Forschungsansätze hervorbringt, die sich manchmal auch konfrontativ gegenüberstehen. Wenn solche Probleme auftauchen, besprechen wir sie gemeinsam mit allen Gruppenmitgliedern. Dabei agieren wir Lehrende wie Coaches und versuchen, die Gruppe in die richtige Richtung zu lenken, ohne ihr etwas vorzuschreiben. Diese Vorgehensweise hat sich bisher bewährt und hilft die meisten Konflikte in der Gruppe zu lösen.
Aber nicht nur unter den Studierenden gibt es diese Gruppenspannungen, auch in unserem vierköpfigen Team haben wir natürlich hin und wieder Meinungsverschiedenheiten und müssen unsere unterschiedlichen Lehrstile aufeinander abstimmen. Gleichzeitig macht es aber auch viel Spaß, sich mit den anderen über die Erforschung des Schreibens auszutauschen, tiefgründige Diskussionen zu führen und neue Perspektiven kennenzulernen.

Umfeld

Wirkung

 Entwicklung und Ausleben von forschender Neugier

Umgang mit Fehlern und Misserfolgen 

Erwerb von methodischen Kenntnissen

Erwerb von Schreibkompetenzen

Welchen Einfluss entfaltet mein Angebot zum forschenden Lernen?

Der Kurs hat meiner Meinung nach zwei große Auswirkungen auf die Studierenden. Die erste kann man vielleicht mit dem Begriff der wissenschaftlichen Professionalisierung beschreiben. Die Studierenden erleben, was es heißt, Forschung zu betreiben, welche Anforderungen an sie gestellt werden, Momente der Begeisterung und Momente der Verzweiflung. Sie lernen, ihre Forschung in wissenschaftlichen Formaten zu präsentieren und werden ermutigt, ihre Ergebnisse der Öffentlichkeit vorzustellen. Dadurch erhalten die Studierenden einen tieferen Einblick in den Forschungsalltag, was unterschiedliche Auswirkungen auf sie haben kann. Einige haben mir erzählt, dass sie dadurch sehr motiviert sind, weiter an diesen Themen zu arbeiten und vielleicht sogar eine wissenschaftliche Karriere anstreben, andere haben für sich erkannt, dass diese Art des Arbeitens nicht wirklich ihren Vorstellungen entspricht und Wissenschaft nicht wirklich ihr Gebiet ist. Unabhängig davon, zu welchem Ergebnis die Studierenden kommen, haben sie sich durch das forschende Lernen weiterentwickelt und können ihre Interessen und mögliche Zukunftspläne besser einschätzen.
Der zweite Effekt ist die soziale Bindung, die durch die Veranstaltung entsteht. Die enge Zusammenarbeit führt bei den teilnehmenden Studierenden zu einer Steigerung ihrer sozialen Kompetenzen und zu einem interdisziplinären Austausch. Viele Gruppen bleiben auch nach den zwei Semestern in Kontakt und oft entstehen Freundschaften aus unserer Veranstaltung, was uns als Lehrende natürlich sehr freut. Die soziale Bindung äußert sich weiter darin, dass die Studierenden sich als Teil einer Community sehen, zu der sie beitragen und die sie, auch als Forschende, wahrnimmt.
Auch für mich sehe ich einen Effekt: Durch den ständigen Austausch mit Studierenden und Kolleginnen und Kollegen habe ich mich „gefühlt nebenbei“ noch einmal intensiver mit dem Thema Schreibwissenschaft auseinandergesetzt und viele neue Impulse für meine Dissertation erhalten.
Die Ergebnisse der Studierendenprojekte können in „zisch“ nachgelesen werden.

Die studentischen Forschungsergebnisse können in unserer Zeitschrift für interdisziplinäre Schreibforschung eingesehen werden.  

Flaschenpost
  • Erika Unterpertinger, M.A.
  • Universität Wien
  • 2024
  • Die vorgestellte Veranstaltung ist in der Schreibwissenschaft angesiedelt und wird Im Rahmen des Erweiterungscurriculums "Schreibmentoring" vom Center of Teaching and Learning der Universität Wien gemeinsam mit dem Institut für Deutsche Philologie angeboten. Es kann von Studierenden aller Fachrichtungen besucht werden.

  • Fallbeispiel oder Praxisbericht (z.B. Projektbeschreibung)
  • Flaschenpost
  • Text/Textdokument
  • Deutsch
  • CC BY SA (unsere Empfehlung: Namensnennung - Weitergabe unter gleichen Bedingungen)
  • Unterpertinger, Erika (2024). Forschendes Lernen in der Schreibwissenschaft. Insel der Forschung: Beispiele & Good Practices
  • übergreifend
  • Schreibwissenschaft